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Liebe auf den ersten Blick - Märchen oder Faktum? Man
fährt mit seinem randvoll beladenen Einkaufswagen um das nächste
Regal und plötzlich steht er da. Besser gesagt, er hat es gerade
noch geschafft, vor einem abzubremsen. Keine Ahnung, was so besonders
an ihm ist. Mit den drei Milchstriezeln und der Klopapierpackung im
Arm sieht er sogar ein klein wenig töricht aus. Als er sich jedoch
lächelnd entschuldigt, weil er sich beinah zu den Lebensmitteln
im Einkaufswagen hinzu gesellt hätte, bringt man keinen Ton heraus
und sieht drein, als könnte man eine Kuh nicht von einem VW-Käfer
unterscheiden. Das Herz schlägt schneller, es wird einem heiß
und kalt. Der Typ sieht nicht mal annähernd George Clooney ähnlich
und trotzdem weiß man: "Der wäre es!" Auch er scheint wie
vom Blitz getroffen und starrt einen eine Sekunde zu lange an. Doch
ist d a s die berühmte "Liebe auf den ersten Blick"? Wird dieser
Begriff nicht ein wenig überstrapaziert? Wie hoch sind die Chancen,
dass so eine Liebe hält?
Blitzschnelle Empfindungen
Als Romantiker ist man natürlich geneigt, an die Liebe auf den ersten Blick zu glauben. Über neunzig Prozent der Deutschen tun es und etwas mehr als die Hälfte der Befragten hat sie angeblich sogar schon am eigenen Leib erfahren. Selbst der attraktive Herzensbrecher Clooney glaubt Berichten zufolge daran, da sich seine Eltern bereits an ihrem ersten Rendezvous verlobt haben und noch immer glücklich vermählt sind. Wissenschafter
können tatsächlich belegen, dass bereits die ersten Millisekunden
einer Begegnung über das Urteil "anziehend" oder "nicht anziehend"
entscheiden. Der Körper reagiert in ersterem Fall mit Zittern,
erhöhtem Serotonin-Gehalt im Blut, beschleunigtem Puls und verengten
Pupillen. Angeblich erwischt es Paare aber nur, wenn sie innerlich
auf eine derartige romantische Begegnung vorbereitet waren, sie sogar
herbei sehnten. Der Grund für diese flinken Entscheidungen bei
der Partnerwahl ist den Forschern zufolge auf die Urzeiten der Menschheit
zurück zu führen. Frauen wie auch Männer mussten in
eiligem Tempo herausfinden, ob ihnen ein geeigneter Beschützer
und Ernährer bzw. ein passendes "Muttertier" gegenüber steht.
Die Liebe auf den ersten Blick ist somit ein Überbleibsel aus
der Frühgeschichte.
Zudem haben Attraktivitätsforscher die These aufgestellt, dass Menschen sich zum Großteil in Partner verlieben, die ihrem Antlitz ähneln. Die Künstlerin und Autorin Suzi Malin macht sogar die äußerliche Ähnlichkeit der Paare vom dauerhaften Gelingen einer Beziehung abhängig. So seien die sehr unterschiedlichen Gesichtszüge also auch ein Mitgrund für das Scheitern der Ehe zwischen dem kaktusohrigen Prinz Charles von Wales und der feengleichen und attraktiven Lady Diana gewesen. Also kann sich das noch recht frisch getraute Ehepaar Charles und Camilla dieser Theorie gemäß auf eine lange gemeinsame Zukunft freuen? Verliebtheit auf den ersten Blick"Liebe auf den ersten Blick ist ungefähr so zuverlässig wie Diagnose auf den ersten Händedruck", stellte der irische Dramatiker George Bernard Shaw (1856-1950) wohl zu Recht fest. Denn diese ruckartige Gefühlsreaktion auf eine einem eben erst begegnete Person kann logischerweise nur der Oberfläche dieses Menschen gelten. Seinem Gesicht, seinen Bewegungen, seinem Lächeln, seiner Statur. Das Innere des Menschen, der Charakter, sein Humor, seine Einstellung zum Leben, seine Beziehungsfähigkeit, all diese wichtigen Eigenschaften kennt man zu diesem Zeitpunkt doch noch nicht. Lernt man ihn näher kennen, entpuppt er sich vielleicht als ein ganz anderer Mensch, als er auf den ersten Eindruck gewirkt hat. Wenn der gebildet wirkende Schönling sich als Intelligenz-Allergiker heraus stellt, ist es mit dem anfänglich heißen Begehren wohl eher schnell vorbei?
"Liebe" im Sinne von tiefer Hingabe, der stärksten Zuneigung, die ein
Mensch für einen anderen zu empfinden fähig ist, entsteht
erst nach einer Phase des ausgiebigen Kennen lernen. Wenn die Verliebten
ihre gegenseitigen Eigenschaften, Besonderheiten und wohl auch Macken
akzeptieren, ja sogar die Verehrung füreinander dadurch noch
tiefer anstatt seichter wird, kann man von "Liebe" sprechen. Eigentlich
müsste somit der Ausdruck für diese blitzartige gegenseitige
Begeisterung richtigerweise "Verliebtheit auf den ersten Blick" heißen.
Die Chancen für eine erfolgreiche Beziehung, die aus dieser explosionsartig entstandenen Verliebtheit entsteht, sind wohl gleich hoch wie für jede andere. Man schwebt zwar von Beginn an auf Wolke sieben, kann aber genauso fix wieder vom geigenbehängten Himmel herabstürzen. Damit die Liebe bleibt "Das
ist das Eigentümliche an der Liebe, dass sie unaufhörlich
wachsen muss, wenn sie nicht abnehmen soll", tat der französische
Schriftsteller André Paul Guillaume Gide (1869-1951) kund.
Welch wahres Wort, denn hat man die Liebe einmal erlebt, will man
dieses Gefühl der Geborgenheit und Harmonie für immer spüren.
Leider aber weiß man aus eigener und fremder Erfahrung, dass
man sie im oft beziehungsschädlichen Alltag sehr schnell auch
wieder verlieren kann. Damit das nicht geschieht, sollte man nie nachlassen,
daran zu arbeiten. Liebesbeziehungen halten stand, wenn die Liebenden
sich beide aufeinander beziehen, sich respektvoll begegnen, sich gegenseitig
Raum geben, geistig wie auch physisch. Das Gemeinsamkeitsgefühl
darf nicht verloren gehen, wenn auch einzelne Bereiche alleine bewältigt
werden müssen. Der Mensch ist immer noch ein Individuum für
sich. Weder ständiges Aneinanderkleben noch zu viele getrennt
unternommene Freizeitbeschäftigungen tun einer Beziehung gut.
Umgekehrt geht's auch Die an sich oberflächlich anmutende Liebe auf den ersten Blick wird allerdings schon teilweise von einer neuen Erscheinung abgelöst. Immer mehr Paare lernen sich über Singlewebseiten im Internet kennen und sind manchmal tatsächlich schon verliebt, bevor sie sich real sehen. Hier funktioniert der Weg des Bekanntmachens umgekehrt: Man orientiert sich zuerst an den inneren Eigenschaften des Flirtpartners und erkennt erst beim Treffen, ob man sich auch äußerlich zueinander hingezogen fühlt. Stimmt alles überein, so war es damit die "Liebe auf den x-ten Klick". Und mal ehrlich: Wäre das nicht sowieso die bessere Form des Kennen lernen? |
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